Aus "Münchner S-Bahn-Katastrophen"



Stromlos

eine wahre Geschichte, 2021


 

In der Regel ist man als Lokführer froh, wenn man den Chef nicht sehen muss, denn normalerweise ist das nichts Positives. Kommt er auf dem Bahnsteig zu dir kann es sein, dass er bei dir mitfährt, um dich zu überwachen und dabei ein schwieriges Gespräch zu führen. Wird man zu ihm vorgeladen erwartet einem in den allermeisten Fällen Kritik, weil man etwas falsch gemacht hat. Lob und positive Worte gibt es im Allgemeinen nicht, es ist schon Lob genug, wenn man den Chef nicht sieht und hört.

In meinen zwanzig Jahren als Triebfahrzeugführerin habe ich nur ein einziges Mal eine Belobigung erhalten, denn eine solche Situation, die man so gut meistert, dass es auffällt und bis zum Chef vordringt, muss erst einmal eintreten.


 

An diesem speziellen Tag hatte ich eine Schicht, in der ich vormittags auf der S4 zwischen Ebersberg und Geltendorf fuhr. Am frühen Nachmittag, als nicht mehr alle zwanzig Minuten ein Zug nach Geltendorf fuhr, stellte ich den Zug vorübergehend in Geltendorf auf dem Abstellgleis ab. Dann hatte ich zwei Stunden Pause und sollte den Zug im nachmittäglichen Berufsverkehr als Taktverstärker wieder bereitstellen.

Zwei Stunden Pause am helllichten Tage ist selten und das genießt man, zumal ich an diesem Tag schon früh aufgestanden war. Erst verspeiste ich einen Döner, dann legte ich mich für ein Stündchen in die Übernachtung für ein Schläfchen, und für die letzte halbe Stunde ging ich auf meinen Zug. Der Zug stand auf Gleis acht, dem letzten des Bahnhofs. Daneben erstreckte sich noch eine kleine Freifläche. Ich nahm den Bagger und die zwei Arbeiter darauf am Rande zur Kenntnis. Keine Ahnung, was die dort arbeiteten. 

Einen offiziellen Vorbereitungsdienst musste ich nicht machen, aber natürlich wirft ein Lokführer einen prüfenden Blick auf seinen Zug bevor man ihn besteigt und prüft die Geräte im Führerraum auf Störungen. Es war alles in Ordnung. Ich konnte also noch mein Buch auspacken und etwas lesen.

Ich las sehr unkonzentriert und nebenbei fiel mein Blick auf die Anzeigetafel vor mir. Dabei erfasste ich erschrocken, dass nun ein wichtiger Leuchtmelder leuchtete, der es normalerweise nicht tut: der für die Hauptschalter. Ein Kurzzug, die kleinste S-Bahn-Einheit, hat zwei elektrische Anlagen und somit auch zwei Hauptschalter, die die Anlagen unter Strom setzen. Geht mindestens ein Hauptschalter auf, beginnt der Leuchtmelder zu leuchten, der signalisiert, dass nur noch eine oder vielleicht auch keine Anlage mehr arbeitet. Arbeitet keine Anlage mehr kann der Zug nicht mehr in Bewegung gesetzt werden und mit nur einer Anlage und somit halber Kraft wird es mancherorts mit starken Steigungen schon schwierig.

Ich hatte einen Vollzug, einen aus zwei Kurzzügen zusammengesetzten Zug, also vier Anlagen. Ich öffnete im Terminal, der elektronischen Steuereinheit des Zuges, die Anzeige der Anlagen. Diese zeigte mir, dass beide Hauptschalter des hinteren Zugteils geöffnet waren. Das kam durch Spannungsschwankungen in der Oberleitung öfter vor. Ich drückte also den Hebel links vom Fahrschalter auf dem Führerpult, der die Hauptschalter wieder einschalten sollte. Doch nichts tat sich. Das Problem lag also tiefer.

Als nächstes öffnete ich die Anzeige der Stromabnehmer, ob überhaupt Strom vorhanden war. Jeder Kurzzug hat einen Stromabnehmer. Die Tabelle verriet mir, dass der hintere Stromabnehmer stromlos war, der Stromabnehmer war also offenbar nicht an der Oberleitung, denn vorne hatte ich Strom. Waren die Spannungsschwankungen so groß, dass sich sogar der Stromabnehmer gesenkt hatte? Ich drückte den Hebel links neben dem anderen, in der Hoffnung, der Stromabnehmer möge sich heben. Doch auch hier tat sich nichts.

Ich war baff. Nun hatte ich keine weitere Idee mehr, als mir die Sache mal von außen anzusehen. Und das war mein Glück! Ich stieg also ab und ging hinter. Da fiel mir die Kinnlade runter: die Stromabnehmerschleifleiste, die normalerweise an der Oberleitung anlag, schwebte über der Oberleitung! Das hatte ich noch nicht erlebt und setzte mich in Verwunderung. Da konnte ich nichts mehr machen. Wie konnte das passieren?

Plötzlich geriet wieder der Bagger, der vorhin noch arbeitete, in mein Blickfeld. Jetzt war er am Rand der Freifläche abgestellt und niemand mehr zu sehen.

Der hat mir die Oberleitung weggezogen, schoss es mir durch den Kopf. Und aus Scham sind die Arbeiter lieber abgehauen, statt mich zu informieren.

Ich ging wieder auf meinen Führerraum, um zunächst den Fahrdienstleiter anzurufen. Der wusste von nichts. Dann rief ich die Transportleitung an, was ich tun solle.

Schnelle Hilfe war nicht zu leisten, ich solle einfach den vorderen Zugteil abhängen und den mit dem ausgefädelten Stromabnehmer stehen lassen. Keine tolle Vorstellung, im Berufsverkehr mit einem Kurzzug zu fahren. Die Bahnsteige waren voll und die Leute fanden bald keinen Platz mehr in meinem Zug. Doch das war die beste Lösung, besser ein Kurzzug als kein zusätzlicher Zug.

Und mein umsichtiges Handeln bescherte mir eine Belobigung, die mein Teamleiter mir persönlich in Form einer Urkunde überreichte. Mit dabei waren hundert Euro Prämie, das war nicht viel, aber eine schöne Anerkennung meiner Leistung. Denn hätte ich einfach gesagt, egal, fahre ich halt mit halber Kraft und hätte nicht nachgesehen, dann hätte ich sehr viel Oberleitung runtergerissen, was die Bahn teuer zu stehen gekommen wäre.

In diesem Moment war ich sehr stolz, eine gute Lokführerin zu sein!

Nur noch ein anderes Mal hatte ich einen Unfall verhindert, doch dieses Ereignis war zu unauffällig und ging unter.

Aus "Ein Miauen zum Glück"



Prolog 

Vera und Reza



Am Abend hörte Vera ihren persischen Lebensgefährten Reza fluchen:

„Verdammtes Katzenvieh, du pinkelst nicht nochmal in meine Schuhe! Dich schmeiß ich jetzt unsere drei Stockwerke auf die Straße runter!“ Vera sprang von der Couch auf, hastete in den Flur und sah, wie Reza ihren geliebten Kater im Nacken hielt. Das Tier wand sich und fauchte.

Sie versperrte Reza den Weg ins Wohnzimmer und stieß ihn heftig an der Schulter. „Lass Bonny sofort runter. Du bist selbst schuld an seinem Verhalten!“

Reza ließ das zappelnde Wesen fallen. Wütend schlug er auf Vera ein. Sie wich rückwärtsgehend aus. 



Die Kätzin Bescha lag auf der Couch. Bis zu dem Fluch hatte sie so schön geschlafen, natürlich waren ihr die lauten Worte nicht entgangen. Sie vergifteten die Atmosphäre. Da hatte sie schon die Ohren gespitzt und die Lage analysiert. „Warum muss Bonny in Rezas Schuhe pinkeln und ihm zeigen, dass er ihn nicht mag! Jetzt gibt es Streit.“ 

Spätestens als Frauchen so ruckartig aufstand, verschwand ihre Ruhe ganz. Jetzt hörte sie die Streithansel näherkommen, öffnete die Augen und richtete die Schnurrhaare nach vorne. Die Luft verdichtete sich. Sie hob den Kopf. Die beiden waren schon gefährlich nahe. Im nächsten Moment flog Frauchen in ihre Richtung. Bescha blieb nur die Flucht.


Nun lag Vera auf der Couch und Reza stürzte sich auf sie. Er umfasste ihren Hals, drückte zu, Vera bäumte sich auf und schlug ihm mit der Faust auf seinen Kopf. Irritiert zuckte er zurück. Vera wand sich unter ihm hervor und flüchtete, schnappte sich unterwegs schnell Bonny, der verängstigt in einer Ecke kauerte, und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Ihre Gedanken purzelten wild durcheinander.

Wie hatte es zu dieser Szene kommen können? Sie hatte Reza doch einmal so sehr geliebt. 

Hatte ihre Mutter etwa recht, dass sie sich nie mit einem Ausländer, zudem einem Flüchtling aus einem fernen Land, hätte einlassen sollen?

Vertrug sie sich mit kaum jemandem, weil sie anders war? Sie war selbst ein Kind von deutschen Kriegsflüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten, die nach Süddeutschland geflohen waren.

 War es ein Fehler gewesen, schon während des Studiums Katzen zu kaufen, wie auch die Mutter gemeint hatte? Nein, ganz bestimmt nicht! Die Katzen waren das Beste in ihrem Leben. Und es war abenteuerlich, wie Vera zu den Katzen gekommen war.




Kapitel 1

Eine verhängnisvolle Begegnung



Es begann mit einem anderen Mann. Vera hatte gerade ihre Abschlussklausuren des vierten Semesters Physik an der Universität Bonn geschrieben. Am achten Juli des Jahres 1989 gab es ein Folklorefestival, das der Westdeutsche Rundfunk auf dem geräumigen Bonner Marktplatz veranstaltete. Sie liebte Folklore und das Festival war für sie wie eine Abschlussfeier. Da fiel gleich der ganze Stress von ihr ab.



Die Veranstaltung begann bereits um fünfzehn Uhr. Der Himmel strahlte blau herab und ein leichter Wind erfrischte die Luft. Sie war ziemlich spät dran, sie hatte nicht geglaubt, dass viele zu diesem Festival kommen würden. Die Bühne war direkt vor dem stattlichen alten Rathaus im Rokokostil aus den 1730er Jahren errichtet worden. Nur einen Monat zuvor hatte sie dort Michail Gorbatschow zugewunken, der auf dem Balkon des Rathauses im Rahmen seines Deutschlandbesuches über seine Perestroika gesprochen hatte. Bonn war damals noch die deutsche Hauptstadt. Sie fand seine Politik gut und hatte ihn sehen und hören wollen, weil sie neben der Physik auch Russisch lernte, eine alte Leidenschaft aus ihrer Schulzeit. Ein Buch „Russisch Für Physiker“, das sie 1985 auf einer Schulreise in der DDR gefunden hatte, hatte sie dazu animiert, Russisch an der Universität wieder aufzugreifen. Im selben Jahr war sie auch zum ersten Mal in Russland gewesen. Im Bereich vor der Bühne waren ein paar Stuhlreihen aufgestellt worden, dahinter befand sich ein breites Podest, auf dem die Fernsehleute ihre Kameras aufgebaut hatten. Vera ging an das Podest heran, sie wollte gerne so nah wie möglich an die Bühne, und ließ ihren Blick über die Stuhlreihen schweifen; es waren alle Stühle bereits besetzt. Ihr Blick wanderte weiter, dem Podest entlang. An der vorderen Kante saßen bereits zwei Männer, es gab aber noch viel Platz. Sie überlegte, ob sie sich dazugesellen sollte, ob die Fernsehleute dies tolerieren würden.

„Hallo, setz dich doch zu uns, ich glaube, die Kameraleute haben nichts dagegen“, sprach der eine der beiden Männer sie an, er schien ihre Gedanken erraten zu haben. Er war klein und kräftig, sicher kleiner als ein Meter fünfzig, mit rundem Gesicht, einem Muttermahl rechts auf der Stirn, buschigen Augenbrauen, schwarz wie Kohle, und genau solchen Kopfhaaren, dicht und üppig. Sein Alter war schwer zu schätzen, aber älter als sie selbst war er sicher.

„Meinen Sie wirklich?“, fragte sie.

„Bisher sind wir noch nicht vertrieben worden. Ich bin Ali, kannst „du“ sagen, wenn du möchtest.“

„Ok, ich bin Vera.“

„Ich bin Markus, hallo“, ließ der andere verlauten. Vera hatte schon öfters erlebt, dass es auf Folklorefestivals vertraulich zuging. Folkfans sind eine Gemeinschaft. Schon mit siebzehn hatte sie ihr erstes Festival in Frankreich besucht, nun war sie einundzwanzig.

Ali versorgte sie während des Festivals mit Saft, Markus mit Wein. Zwischen irischen Geigenklängen und amerikanischen Beats unterhielten sie sich angeregt. Ali sprach sehr gut Deutsch, hatte aber einen ungewöhnlichen Akzent.

„Wo kommst du denn her, Ali?“, fragte Vera.

„Was meinst du denn?“, meinte er verschmitzt.

„Mm, Italien vielleicht?“

„Ganz falsch. Ich bin Perser, aus dem Iran.“

Das kannte sie vom Iran-Irak-Krieg, davon wurde oft in den Nachrichten berichtet. Aber sie konnte den Iran nicht vom Irak unterscheiden, wusste nichts vom Islam und verstand auch nicht, warum sie sich bekriegten.

„Sind nicht alle Iraner Perser?“, wunderte sie sich. Von dem großen, alten persischen Reich hatte sie in der Schule erfahren.

„Nein, es leben viele verschiedene Völker im Iran, aber wir sind die größte Gruppe.“

„Arbeitest du hier oder studierst du?“, wollte sie weiter wissen.

„Ich studiere Philosophie. Im achten Semester“, erklärte er. „Ich brauche vielleicht noch ein, zwei Jahre, ich hab erst hier Deutsch gelernt.“

„Du sprichst aber gut. Wie lange hast du warten müssen, bis du studieren durftest?“

„Zwei Jahre, anfangs habe ich mich mit Englisch durchgeschlagen.“



Nach dem Festival lud Ali sie noch in ein Café ein. Er hielt ihr galant die Tür des Cafés auf. Das hatte sie von Deutschen schon lange nicht mehr erlebt. Bei einer Eisschokolade unterhielten sie sich weiter. Ali erzählte kurz seine Geschichte: „Ich habe mit den Volksmudschahedin gekämpft, das ist die islamische Oppositionspartei im Iran. Die ist dort verboten. Irgendwann wurden immer mehr von uns hingerichtet. Da hatte ich die Schnauze voll und bin nach Deutschland geflohen.“ 

 „Warum bist du so klein?“ Vera war sehr neugierig.

Ali lächelte nachsichtig. „Mein Vater und meine Mutter sind Cousin und Cousine. Das ist der übliche Verwandtschaftsgrad, mit dem junge Leute verheiratet werden, mit der Absicht die Großfamilie zu stärken. Frauen, die nicht zur Familie gehörten, darf ein Iraner nicht einmal anschauen. Der Ehepartner wird in der Regel auch von der Familie auserwählt. Cousin und Cousine sind aber zu nah verwandt und so werden oft behinderte Kinder geboren. Ich habe noch vier jüngere Brüder und ein weiterer ist auch klein geblieben und hat zudem verkrüppelte Füße. Seine Füße zeigen zur Seite und nicht nach vorne, so kann er kaum stehen, nicht ohne Krücke. Ich selbst bin tot geboren worden und musste reanimiert werden.“ 

Vera betrachtete ihn interessiert. Er war nicht unattraktiv. Sein Körper war recht normal, kräftig gebaut, nur klein. Besonders bewunderte sie sein volles Haar und die reine Gesichtshaut. Mit sich war sie gar nicht zufrieden: schon lange kämpfte sie mit unreiner Haut, die auch nach der Pubertät nicht besser wurde. Ihre dunkelblonden, leicht welligen Haare waren extrem fein und ihr Körper nicht gerade schlank, dazu ein nach vorne gewölbter Bauch dank einer Hüfthose, die sie im Alter von zwei Jahren hatte tragen müssen. Oft war sie deswegen gehänselt und schon mit elf Jahren gefragt worden, ob sie denn schwanger sei. Als Erwachsene antwortete sie meist auf die Frage: „Ja, schon seit zehn oder zwanzig Jahren, das Kind will aber einfach nicht raus.“ Da entschuldigten sich die anderen meist.